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Wenn die Tempel des Lebens einstürzen - eine Adventspredigt zwischen Bangen und Hoffen

Predigt am 5.12.04 über Matthäus 13, 1-14

evangelische Gemeinde Harthausen, 2. Advent 9.12.2004

Predigtgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Predigttext Mt 24, 1-14

Und Jesus ging aus dem Tempel fort, und seine Jünger traten zu ihm und zeigten ihm die Gebäude des Tempels. Er aber sprach zu ihnen: Seht ihr nicht das alles? Wahrlich, ich sage euch: Es wird hier nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht zerbrochen werde.

Und als er auf dem Ölberg saß, traten seine Jünger zu ihm und sprachen, als sie allein waren: Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein für dein Kommen und für das Ende der Welt? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Seht zu, dass euch nicht jemand verführe. Denn es werden viele kommen unter meinem Namen und sagen: Ich bin der Christus, und sie werden viele verführen. Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; seht zu und erschreckt nicht. Denn das muss so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende da. Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Königreich gegen das andere; und es werden Hungersnöte sein und Erdbeben hier und dort. Das alles aber ist der Anfang der Wehen. Dann werden sie euch der Bedrängnis preisgeben und euch töten. Und ihr werdet gehasst werden um meines Namens willen von allen Völkern. Dann werden viele abfallen und werden sich untereinander verraten und werden sich untereinander hassen. Und es werden sich viele falsche Propheten erheben und werden viele verführen. Und weil die Ungerechtigkeit überhand nehmen wird, wird die Liebe in vielen erkalten. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden. Und es wird gepredigt werden dies Evangelium vom Reich in der ganzen Welt zum Zeugnis für alle Völker, und dann wird das Ende kommen.

 

Kanzelgebet:

Herr, tue meine Lippen auf, lass meinen Mund Deinen Ruhm verkündigen. Herr, lass uns hören, wie die Jünger. AMEN

 

Liebe Geschwister im Herrn.

Können wir uns überhaupt vorstellen, was Jesus den Menschen zugemutet hat? Vom Tempel soll kein Stein mehr auf dem anderen stehen bleiben? Von jenem religiösen und nationalen Zentrum, das seit der Regierung Salomos 972-932 vor Christus, also etwa tausend Jahre lang, Mittelpunkt und Ziel des Volkes Israel war, soll nichts übrig bleiben von dem, was 80.000 Steinmetze und 70 000.Träger bauten? Es folgten Missbrauch, Plünderung und Zerstörung. 587 vor Christus wurde der Tempel unter König Nebukadnezar von Assyrien ausgeraubt und zerstört. Nehemia und Esra gaben dann die Impulse zum Neubau, der 515 vor Christus eingeweiht und ab 19 vor Christus von König Herodes äußerst prunkvoll und gigantisch ausgebaut wurde. Doch es kam, wie es Jesus vorausgesagt hatte, obwohl es auch für ihn als Juden selbstverständlich war, zum Tempel zu pilgern: Der römische Kaiser Titus erobert und zerstört 70 nach Christus in schwersten Straßenkämpfen das aufständische Jerusalem und am 25. September den Tempel. – Unvorstellbar: Der Lebensmittelpunkt, für den Israel 1000 Jahre lebte, wurde zerstört: Das Haus des Gottes JHWH sollte nicht mehr existieren.

Und einen solchen Predigttext stellt die evangelische Predigtordnung mitten in einen Advent, dessen Qualität der typische Zeitgenosse in Euro, Kilo-Watt und Litern misst: In Euro für möglichst viele Geschenke, in Kilowatt der immer umfangreicheren Festbeleuchtung und in Litern Glühwein, die einen überhaupt erst so richtig in Stimmung bringen. Doch Advent ist im geistlichen Sinn nicht die Zeit, in der wir schon so viele Lebkuchen essen, dass sie uns an Weihnachten zum Hals raushängen.

Advent ist eine Zeit zwischen Bangen und Hoffen, zwischen der Erfahrung der Endlichkeit unseres Lebens und unserer Welt und der Hoffnung, die der Gott in Windeln in die Welt gebracht hat, die Jesus mit dem Versprechen seiner Wiederkunft gibt und die weit hinausreicht über diesen so zerbrechlichen Planeten. Als Zeit der Neubesinnung ist der Advent eigentlich die zweite Fastenzeit der Christen. Fasten, nicht um vor Gott eine Leistung zu erbringen, sondern damit wir uns durch Verzicht auf das Wesentliche konzentrieren: Gott wird Mensch und kommt mitten hinein in unsere zerbrechliche und angefochtene Welt.

So müssen wir heute überlegen, was für uns in dieser Welt so fest gefügt scheint und doch bedroht, ja der Vernichtung preisgegeben ist. Gewiss: Auch wenn wir die gleichzeitige Zerstörung des Reichstags in Berlin, des Kölner Doms und des Ulmer Münsters ankündigen würden, wäre dies nicht vergleichbar mit der Vernichtung des Tempels. Selbst die Zerstörung des World Trade Centers durch islamistische Terroristen oder die zunehmende Anarchie, die der amerikanische Angriff auf den Irak verursacht hat, erreichen bei weitem nicht den Schrecken, den die Ankündigung Jesu auslöste.

Doch Worte wie Krieg und Verführung, Hunger und Naturkatastrophen, Verfolgung und Abfall, Hass und Verrat, Trennung von Gott, Hoffnungs- und Orientierungslosigkeit sind im Großen und im Kleinen erschreckend nahe Wirklichkeit. Das gilt, ob wir nach unseren persönlichen Lebensperspektiven fragen, ob wir den Blick in die Welt wenden oder ob wir nach der Kirche fragen: Vieles, was so sicher galt, ist es heute nicht mehr. So bleibt an uns die Frage: Wo stürzen unsere Tempel ein?

Die Frage stellt sich in aller Deutlichkeit, wenn wir einen Blick auf die so brüchige Welt werfen:

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn Kriege und Bedrohungen immer näher rücken und die Insel der Glückseligen hier in Mittel-Europa langsam im Meer einer immer gnadenloseren Welt versinkt?

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn die von Menschen gemachten Naturkatastrophen zunehmen, wenn in China riesige Regionen zur Wüste werden, wenn die Gletscher schmelzen und Stürme oder Überschwemmungen zunehmen?

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn menschliches Leben zum Spielplatz wird durch Gentechnik, Euthanasie, Abtreibung, Angriffskriege, Terrorismus auf der einen und dem Wahn vom ewigen Leben durch Medizintechnik auf der anderen Seite?

Die Frage stellt sich aber auch beim Blick auf die Christen, ihre Kirche und die Konfessionen:

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn plötzlich laut darüber nachgedacht wird, Kirchen zu verkaufen und wenn sich die Kirche in Zukunft nicht mehr für jede kleine Gemeinde einen Pfarrer leisten kann?

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn Menschen, die sich Christen nennen die Todesstrafe fordern und die Fürsorge für die Schwächsten einstellen, wenn sie Lügen und Angriffskriege zum Mittel einer christlichen Politik erklären, die noch nicht einmal weiß, welches Ziel sie mit all dieser Gewalt verfolgt?

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn sich Prediger in angewandter Apokalyptik überschlagen, mit großen Worten und noch größerem Konto Erwartungen wecken und doch nur dafür sorgen, dass Christen sich gegenseitig bekämpfen bis hin zu Angriffen auf Gottesdienste, statt dass sie gemeinsam Zeugnis in der Welt geben?

Die Frage stellt sich an uns auch ganz persönlich:

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn Arbeitslosigkeit uns bedroht oder trifft, wenn die Zukunft vielleicht so aussieht, dass wir bis sechzig arbeitslos sind und dann bis 75 arbeiten müssen, weil die Finanzierung der Renten bereits in diesem Jahr zum Problem wird?

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn gerade junge Menschen, vielleicht unsere Kinder oder die Jugendlichen der Gemeinde, in diesem Land wegen der fehlenden Lebensperspektiven zunehmend orientierungslos werden?

- Stürzen unsere Tempel ein, wenn wir immer mehr gedrängt werden, doch „von jenem höheren Wesen, dass wir Gott nennen“ zu reden, wenn wir uns selbst in unserer Konfession so manches Mal dafür rechtfertigen müssen, dass Gott Mitte unseres Lebens ist, weil er in Christus Mensch wurde, als Mensch Maßstäbe setzte, für uns gestorben und auferstanden ist?

Der Blick mit den Augen unseres Predigttextes auf unsere Zeit mit ihren einstürzenden Tempeln mag uns erschrecken. Und es berührt schon, wenn man direkt vor der Predigt über diesen Text um 2:52 das erste Mal seit den sechziger Jahren durch ein Erdbeben der Stärke 5,4 aus dem Schlaf gerissen wird. Doch das Trostwort von Jesus: „Seht zu und erschreckt nicht“ gilt auch für uns. Er ruft uns zur kritischen Wachsamkeit, aber auch dazu, uns nicht verunsichern zu lassen. Es mahnt vor allem, nicht in falsche Deuteleien auszubrechen. Denn ich höre in dieser Zeit von zu vielen Christen, dass wir die Stunde der Wiederkehr direkt vor uns haben und dies selbst miterleben werden. Jawohl - das kann sein. Doch die Erfahrung, wie viele Christen schon meinten, die Pläne Gottes ganz genau entschlüsselt zu haben, diese Erfahrung sollte uns vorsichtig machen. Denn sie haben der Glaubwürdigkeit des Evangeliums ebenso tief geschadet wie sich selbst.

Uns bleibt das Warten zwischen Bangen und Hoffen, das Warten im Advent: Immer in der Gewissheit, dass wir auf die Ermahnung wie auf die Verheißung des Gottes hören, der uns so liebt, dass er Mensch wurde. Immer in der Gewissheit, dass wir auf die Ermahnungen wie auf die Verheißungen dessen hören, der als Ende und Ziel der Geschichte wiederkommen wird. Immer in der Gewissheit, dass er uns auch in Zeiten, in denen die fest gefügten Tempel unserer Gewissheiten einstürzen, den Maßstab der Liebe gibt. Ihn gibt, weil er uns zuerst geliebt hat und uns aus seiner Liebe eine Zukunft gibt, die über diese Welt hinausreicht. Wir können nur erahnen, welche Zukunft wir bei dem Gott haben, auf dessen Kommen und Wiederkommen wir uns im Advent vorbereiten. Doch wir können aus genau diesem Grund vertrauen und haben im Vertrauen auf Jesus Christus einen einzigartigen Zugang zu Gott, zu seiner Herrlichkeit, zu seiner guten Botschaft.

Dieser Blick sollte uns auch in Zeiten, in denen Tempel einstürzen zu Gerechtigkeit und Gottesehre führen. Und das heißt nichts anderes, als das Doppelgebot der Gottesliebe und der Nächstenliebe zum Maßstab zu machen - gerade in einer Zeit, in der wir auf dem Weg in die Wolfsgesellschaft sind. Eine Gesellschaft, in der ein Mensch für den anderen zum Wolf wird, wenn auch in reichen Ländern zunehmend Menschen nicht satt werden. Wenn auch bei uns wohl künftig die Einen fünfzig oder sechzig Stunden arbeiten sollen, während die anderen zum sozialen Abschuss in der Arbeitslosigkeit freigegeben werden.

Doch diese Anfrage ist leicht gestellt. Denn wir leben in einer Welt echter und vermeintlicher Sachzwänge. Längst sind Unternehmer oder Vorstände kleiner und großer Firmen genauso getrieben vom Zwang zum Erfolg um jeden Preis wie Arbeitnehmer. Und auch ich bin im Alltag froh, wenn wir einen Auftrag bekommen und nicht unsere Konkurrenz. Doch wehe, wenn die Maßstäbe verloren gehen: Auch wenn die Größenordnungen unterschiedlich sind, die Folgen sind letztlich die gleichen, ob ein als Bedrohung empfundener Kollege nun herausgeekelt, auf gut Neudeutsch gemobbt, wird, oder ob es zu Massenentlassungen und Lohnsenkungen um jeden Preis kommt, weil nur noch der Wert der Aktien zählt.

Es sage keiner, er bleibe in dieser so hoch komplizierten Welt ohne Schuld. Doch gerade das ist ja die Botschaft der Krippe, des Kreuzes, des leeren Grabes: Wir brauchen in dieser Welt nicht gnadenlos zu sein - weil Gott gnädig ist. Wir dürfen darauf vertrauen, dass diejenigen bei Gott eine Zukunft haben, die dem anderen nicht zum Wolf werden, sei dies im persönlichen Alltag, sei dies unter Christen, sei dies in Beruf, Politik, Wissenschaft oder Wirtschaft – auch wenn wir dafür einen Preis zahlen müssen.

Dies ist aber keine Einladung zur blinden Naivität nach dem Motto: Nun leidet mal schön. Und es ist auch keine Einladung, sich die Hände in Unschuld zu waschen, während andere leiden. Es geht vielmehr darum, dass wir immer darum ringen, in Verantwortung vor Gott zu beten und zu handeln. Wo wir das Kind in der Krippe erwarten, wo wir uns von dem Mann aus Nazareth Lebensmaßstäbe geben lassen, wo wir drauf vertrauen, dass er im Kreuz ein wirksames Zeichen für uns setzt, weil er an Ostern den Tod überwunden hat, wo all dies für uns Leben ist, da dürfen wir aber auch wissen: Dieser Gott liebt uns so, dass er auch unsere Schwachheit, unsere Schuld, unser Versagen, unsere Sünde trägt.

So heißt Advent: Wir erinnern uns daran, dass Gott aus Liebe Mensch wurde. Und wir vertrauen darauf, dass er wiederkommt als Ende der Welt, die wir kennen und uns eine Zukunft gibt, die über unsere Welt hinausreicht. Das erfordert ein Vertrauen, das höher ist, als alle Vernunft. Zu diesem Vertrauen möchte uns Jesus ermutigen, auch wenn die Tempel dieser Welt und unseres Lebens einstürzen: Dafür möchte er auch in den schwierigsten Zeiten allen Menschen die Gute Nachricht, sein Evangelium geben. Darüber dürfen wir uns freuen, übrigens auch bei einer guten Tasse Glühwein. Denn Jesus Christus ist unsere Zukunft. Das ist die Botschaft für den Advent. Das ist die Grundlage unseres Lebens.

 

AMEN

 


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