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Leidenschaft und Liebe gehören bei Gott zusammen

Predigt über Johannes 2 am 31.7.2005 in Derendingen

Predigt über die Tempelaustreibung (Johannes 2)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Aus Johannes 2:

Und das Passafest der Juden war nahe, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Und er fand im Tempel die Händler, die Rinder, Schafe und Tauben verkauften, und die Wechsler, die da saßen. Und er machte eine Geißel aus Stricken und trieb sie alle zum Tempel hinaus samt den Schafen und Rindern und schüttete den Wechslern das Geld aus und stieß die Tische um und sprach zu denen, die die Tauben verkauften:

„Tragt das weg und macht nicht meines Vaters Haus zum Kaufhaus!“ Seine Jünger aber dachten daran, daß geschrieben steht: »Der Eifer um dein Haus wird mich fressen.«

Da fingen die Juden an und sprachen zu ihm: „Was zeigst du uns für ein Zeichen, daß du dies tun darfst?“ Jesus antwortete und sprach zu ihnen: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“ Da sprachen die Juden: „Dieser Tempel ist in sechsundvierzig Jahren erbaut worden, und du willst ihn in drei Tagen aufrichten?“ Er aber redete von dem Tempel seines Leibes. Als er nun auferstanden war von den Toten, dachten seine Jünger daran, daß er dies gesagt hatte, und glaubten der Schrift und dem Wort, das Jesus gesagt hatte.

 

Liebe Gemeinde: „Friedefürst schlägt zu!“ Mit diesen drei Worten lässt sich die ganze Ratlosigkeit auf den Punkt bringen; die Ratlosigkeit, die mit unserem heutigen Predigttext verbunden ist. Gerade, wenn wir uns noch an den Gottesdienst letzten Sonntag im Festzelt erinnern: „Halte auch die andere Backe hin …“. Und dann treibt Jesus Menschen mit einer improvisierten Peitsche aus dem Tempel. Da stimmt doch etwas nicht.

 

Ist da etwas in die Bibel hineingerutscht, was nicht hineingehört? Wohl kaum. Denn an den Anfang seines Berichts von Jesus stellt Johannes die Provokationen: Zuerst das Besäufnis von Kana mit 600 Litern Wein, dann die Tempelaustreibung, dann Jesus und Nikodemus, die Forderung nach dem völligen Neuanfang.

Doch was für ein Jesusbild dürfen wir dann festhalten, verinnerlichen, in unser Leben hinein nehmen? Den Friedlichen – so ein bisschen das naive Blumenkind? Den Entrückten - irgendwo auf Wolke 7 beim Singen von Lobpreisliedern? Den Drohenden - immer mit erhobenem Zeigefinger – und doch mit Drohungen, die weit weg von uns scheinen und eh immer nur die anderen treffen? Oder den Revoluzzer, der eben dreinschlägt, wo der Raubtier-Kapitalismus überhand nimmt?

Welches Jesusbild haben wir? Wenn wir die eben genannten Bilder aufgreifen, dann entdecken wir in den verschiedenen Jesusbildern die unterschiedlichen Strömungen in der Kirche. Und die verstehen sich ja oft genug überhaupt nicht untereinander. Welche Strömung, welches Jesusbild hat nun recht? Wenn wir die Bibel ernst nehmen, dann sind Friedenstifter, Entrückter, Mahner und Revoluzzer ein und dieselbe Person.

Uns bleibt nur: Du sollst Dir kein Bildnis machen, auch nicht von Jesus. Denn mit einem Bildnis dampfen wir ihn auf unsere engen Grenzen ein: Wenn Gott Mensch geworden ist, dann kann er nur sperrig und unfassbar sein – daran haben sich viele Juden zur Zeit Jesu ebenso die Zähne ausgebissen, wie wir Christen heute. Denn eines verbindet das wandernde Gottesvolk in Israel zur Zeit Jesu mit den Nachfolgern Jesu, die heute Teil eben desselben Gottesvolkes sind: Wir werden in Frage gestellt, gerade in unserer Bequemlichkeit und Gewohnheit: Glauben und handeln wir aus Gewohntheit oder leben wir aus einer lebendigen Beziehung zu Gott? Sind wir religiös oder glauben wir? Geht es uns darum, Gott möglichst praktisch so in unser Leben einzuordnen, dass unser Alltag nicht gestört wird? Ist Christsein nur solange gut, solange die Folgen berechenbar sind und sich ins bürgerliche Leben integrieren lassen? Oder richten wir unseren Alltag nach Gott aus und wissen dabei: Vollständig wird uns dies nie gelingen – denn wir leben in dieser Welt. Letztlich stellt sich uns wie den Juden zur Zeit von Jesus die Frage: Leben wir unseren Glauben routiniert oder leidenschaftlich? Leben wir in einer Weise, die ganz im Wortsinn durchaus Leiden schaffen kann?

So ist Jesus leidenschaftlich besorgt um alles, was für Gott wertvoll ist. Und trotz seines Wissens um die kommende Zerstörung ist ihm der Tempel unendlich wichtig: Er ist das Haus des Vaters. Und er setzt sich voll und ganz dafür ein, dass dieser göttliche Ort nicht missbraucht wird für den materiellen Götzendienst dieser Welt – nicht vor 2000 Jahren und auch nicht heute: Jesus zieht sich nicht nur schmollend und grantelnd zurück, mit dem dahingebruddelten Kommentar: Sowas hat es in der guten alten Zeit nicht gegeben hat. Sondern er wird zornig, denn „der Eifer um Dein Haus wird mich fressen“, so zitiert ja auch der Evangelist Johannes die Psalmen. So zeigt Jesus in aller Deutlichkeit: Hier wurde eine Grenze überschritten. Hier wurde das, was vor Gott heilig ist, entheiligt.

So zeigt die Provokation unseres Predigttextes: Jesu setzt sich leidenschaftlich für seinen Vater ein. Er ist kein unbeherrschter Fanatiker, der Menschen zwingt, ellenlange Checklisten mit Gesetzen abzuhaken. Er lässt sich nicht zu blinder Gewalt hinreißen. Doch er ist leidenschaftlich auf der Seite Gottes. Unseres Gottes, der nicht in moderner X-Beliebigkeit den Weg, egal welchen, zum Ziel erklärt.

Leidenschaft kann sehr unterschiedlich gelebt werden: Leise oder laut, öffentlich oder im Verborgenen, von Frauen und Männern, von Jungen und Alten, Reichen und Armen, klugen und einfachen Menschen. Doch Leidenschaftlichkeit ist immer echt. Sie versteckt sich nicht hinter dem Filter dessen, was Mann oder Frau als guter Christ zu tun hat. Sie ist das Gegenteil von jenem Betablocker-Christentum, bei dem Menschen als Christ exakt immer diese Gefühle haben müssen und jene nicht zeigen dürfen. Es reicht eben nicht, wenn wir erlöst geschminkt sind und meinen, ein Christ müsste immer lächeln. Welche Wut und welche Tränen hatten bei Jesus ihren Platz. Wie verzweifelt war Paulus so häufig. Und auch wir dürfen auf die Frage „wie geht es Dir?“ ruhig auch einmal besch … eiden antworten. Dies zumindest, solange wir nicht ständig rituell über die ach so böse Welt jammern – immer verbunden mit der Selbstrechtfertigung: Man – und das heißt in diesem Fall ICH – kann ja doch nichts ändern.

Sind wir nun alle gerufen, beim nächsten Bastelnachmittag Peitschen zu basteln und mal schnell drauflos zu schlagen? Das sei fern! Es ist bemerkenswert, dass die Bibel nur einmal berichtet, dass Jesus derart massiv wird. Und doch stellt sich die Frage: Wo wird das Allerheiligste angegriffen?

Vielleicht lohnt es sich, mit dieser Frage den Blick aufs Kreuz zu werfen! Es ist die Mitte des Glaubens, und doch Torheit und Ärgernis für die Menschen – und damit den seltsamsten Versuchen ausgesetzt, es handlich und gesellschaftsverträglich zu machen.

Etwa wenn das Kreuz zu einem Handschmeichler wird. Im Katalog eines Verlages fand ich jetzt ein „Mediationskreuz“ mit dem Kommentar: „Ein besonderer Handschmeichler, der sich durch seine ergonomische Form einfach gut in der Hand anfühlt.“ Ich wünschte mir, dass dieses Kreuz von dem Blut rot würde, das Jesus für uns vergossen hat. Ich wünschte mir, dass dieses Blut beim Handschmeicheln an den Händen kleben bleibt. Damit Menschen die Botschaft neu entdecken: Für Dich gestorben und verblutet - und nicht dahingeschmeichelt.

Oder wenn jedes Jahr in der Passionszeit die Oratorien wieder Hochkonjunktur haben: Meist großartige Zeugnisse des Glaubens ihrer Komponisten. Doch was heute allzu oft bleibt, ist das Schwärmen vom musikalischen Hochgenuss: Hat nun der siebente Obersopran hinten links oder der achte Untertenor vorne rechts brillanter die Arien geschmettert? - Wo nur noch so über das Glaubenszeugnis der Komponisten geredet wird, sollten die Schreie vom Kreuz alle Arien übertönen.

Und dann das Gefasel ach so bemühter Politiker nach dem Kruzifix-Urteil: „Das Kreuz hat doch nichts mit der Botschaft vom leidenden und gekreuzigten Gott zu tun. Es ist doch nur ein kulturelles Maskottchen.“ Wenn es wirklich so ist: Dann hängt um Gottes Willen die Kreuze ab. Denn der gekreuzigte Gott braucht unsere größenwahnsinnige Kultur nicht. Aber wir brauchen Ihn. Doch er wird in Korea oder Brasilien vielleicht sogar mehr gehört, als bei uns – weit jenseits unseres Kulturkreises. Denn Jesus Christus ist gekommen, um alle Menschen zu retten. Er rettet nicht nur diejenigen, die sich irgendwie irgendwann aus irgendeinem Grund dem griechisch-römischen Weltbild mit hebräischen Einflüssen angeschlossen haben. Und die seit 2000 Jahre versuchen, Jesus Christus in diesem Weltbild einzusperren. Doch in seiner Leidenschaft für Gott entzieht sich Jesus auch diesen Versuchen.

Ihr Christen, seid wachsam“

Vielleicht besteht unser Auftrag eben darin, in aller Leidenschaftlichkeit vom Kreuz mit seinem Blut und seinen Schreien Zeugnis zu geben. Oder danach zu fragen, wie die Parteien mit dem Sonntag umgehen – auch das wäre ein Wahlprüfstein. Oder vielleicht die Wahlprüfsteine Abtreibung oder Friede. - Und die Erfahrung mit vergangen Wahlversprechen und Programmen lehrt: Wir können Parteien nur danach beurteilen, wie sie in der Vergangenheit gehandelt haben. Bei Wahlversprechen haben sich die Politiker aller Parteien schon zu oft ver-sprochen.

Wir können auch nach dem Mammon, dem Geld in Kirche und Konfessionen fragen: Welche Entscheidungen werden nur deshalb getroffen, weil ohne sie die Segnungen von Kirchensteuer oder Gemeindeumlage entfielen?

All diese Fragen können aber nicht gestellt werden, wo wir in der Kirche die Nächstenliebe im silbernen Salbentopf voraustragen. Und im Verborgenen wird dann jene Kritik verbreitet, die eigentlich zuerst den Kritisierten etwas angeht. Und die nicht für die Ohren vermeintlich Gleichgesinnter bestimmt ist. Auch wo es um Kritik geht, dürfen wir ganz unterschiedliche Menschen mit unserer Leidenschaft für Gott sein. Doch die Bibel ist nicht konfliktscheu, eben, weil sie zur Leidenschaft für Gott aufruft und nicht zum fein dosierten, jederzeit kontrollierbaren Betablocker-Christentum.

So stellt sich gerade in der Kirche die Frage nach der Streitkultur: Und diese enthält erst einmal die kritische Anfrage an uns selber: Streiten aus Selbstherrlichkeit, streiten wir wegen Lappalien oder streiten wir, wo es in Verantwortung vor Gott unausweichlich ist? Denn es gibt auch jene, die Konflikte suchen, obwohl doch Streit immer die Folge von Sünde ist. Es gibt auch Streitsucht. Und es gibt manchmal den Drang zu jeder Lösung solange ein Problem zu suchen, bis man es gefunden hat - ob es passt oder nicht.

Doch Leidenschaft für das Reich Gottes ist auch immer Leidenschaft für die Einheit der Christen. Denn Jesus Christus hatte diese Leidenschaft. Die Bibel bezeugt es. Das gilt in Gruppen und Kreisen, in der Gemeinde und unter den Christen vor Ort, in der Synode, in unserer evangelischen Konfession und in der Gemeinschaft aller Christen, der Kirche. Das geschieht immer in dem Wissen, dass nicht wir Kirche machen sondern Gott: "Die wahre Kirche besteht in der Erwählung und Berufung durch Gott", so sagte es Martin Luther in einer seiner Tischreden.

Leidenschaft für Gott hat viele Seiten. So ist im Umgang mit Konflikten immer die Frage angebracht: Wie können Wahrheit und Einigkeit zueinander finden. Wo ich mir diese Frage stelle, da muss ich es immer wieder entdecken: Auch ich bin als sündiger Mensch mit all meinen Fragwürdigkeiten in diese Problematik eingebunden. Drei Anregungen können vielleicht weiterhelfen:

1. Wo gehe ich einem nötigen Streit aus dem Weg, weil ich Angst vor Konflikten habe? Wo gehe ich einem nötigen Streit aus dem Weg, weil ich Angst vor Konflikten habe?

2. Wo streite ich über Unnötiges, weil ich alles meinen Maßstäben unterorden möchte? Wo streite ich über Unnötiges, weil ich alles meinen Maßstäben unterorden möchte?

3. Richte ich meine Kritik an die oder den Richtigen? Richte ich meine Kritik an die oder den Richtigen?

Diese Fragen können uns helfen, Leidenschaft für Gott zu entdecken und sie von persönlicher Ehrenkäsigkeit oder vom allgemeinen Bruddlertum zu unterscheiden. Denn alles in unserem Leben sollte der Ausdruck echter Leidenschaft für Gott sein. Und es ist der Gott, den wir abba, „lieber Vati“ nennen dürfen. Die Leidenschaftlichkeit, die in der Tempelreinigung ausbricht, ist zuerst immer die Leidenschaft des liebenden Gottes.

Auch unser Predigttext führt ja bis ans Kreuz und zur Auferstehung, jenem Geschehen, in dem uns Gott seine ganze Liebe zeigt. Und in dem er uns zeigt, dass wir bei ihm eine Zukunft haben. Eine Zukunft haben, die weit über diese Welt mit all ihrer Sünde und ihren oft so kleinlichen Streitereien hinaus weist. Leidenschaft und Liebe gehören bei Gott zusammen! Sie sind keine Gegensätze wie in der Politik oder zwischen den Völkern. Am tragischsten in Israel, wo auf beiden Seiten der Hass in so grauenvoller Weise regiert.

Doch wie können wir Leidenschaft und Liebe ganz praktisch zusammenführen? In den letzten Jahren gewinnt ein Ziel bei der Suche nach der Einheit der Christen immer mehr an Bedeutung: „Die versöhnte Verschiedenheit unter einem gemeinsam Dach.“ Dies ist die Bereitschaft, Unterschiede anzunehmen und trotzdem um das Gemeinsame nötigenfalls auch zu streiten. Während des Dreißigjährigen Krieges, 1627 oder 1628, hat dies der lutherische Theologe Rupertus Meldenius in einem Satz zusammengefasst. Es ist ein Satz, der oft fälschlich mit Augustinus in Verbindung gebracht wird: (Ich übersetzte ihn gleich)

In necessariis unitas,

in non-necessariis libertas,

in utrisque caritas.

 

Auf Deutsch

Im Notwendigen Einheit,

im nicht Notwendigen Freiheit,

in beidem Liebe.

 

Das ist der Auftrag an uns alle. An uns als Menschen mit all unseren Fehlern. Es ist der Auftrag, dass wir Jesus Christus leidenschaftlich nachfolgen und in seiner Liebe bleiben.

 

AMEN

 


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