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Was ist eigentlich Umkehr?

Teampredigt über Matthäus 4,12-17

evangelische Kirche Öschingen 9.1.2005

Jörg Beyer: Predigtgruß:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! AMEN

 

Der Predigttext steht in Matthäus 4, 12-17 und wird in der Züricher Bibel am Besten übersetzt:

 

Beate Beyer:

Als er aber hörte, dass Johannes gefangen genommen war, zog er sich nach Galiläa zurück. Und er verließ Nazaret und ließ sich in Kapernaum am See nieder, im Gebiet von Sebulon und Naftali, damit erfüllt werde, was durch den Propheten Jesaja gesagt ist:

Land Sebulon und Land Naftali, zum Meere gelegen, jenseits des Jordan, Galiläa der Völker, das Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Schattenreich des Todes saßen, ist ein Licht erschienen.

Von da an begann Jesus zu verkündigen und sagte: Kehrt um! Denn nahe gekommen ist das Himmelreich.

 

Jörg Beyer:

Liebe Geschwister im Herrn, Umkehr – was ist das eigentlich? Letzten Sommer waren wir mit Zelt und Rucksack auf einer langen Wanderung entlang des Limes, der früheren römischen Grenzbefestigung unterwegs. Es war an einem brütend heißen Tag. Irgendwann war der Weg nicht mehr markiert und auf der Karte wussten wir nicht mehr genau, wo wir waren. Unten im Tal gab es in der kleinen Stadt nur eine Brücke, die wir unbedingt treffen mussten. Wir marschierten weiter, immer den Hauptweg entlang, bergab Richtung Stadt: Wird schon stimmen, wir blieben ja auf dem Hauptweg. Doch es kam immer noch keine Wegmarkierung und unser kleines GPS Satelliten-Navigationssystem zeigte immer mehr in eine Richtung, die nichts mehr mit dem Weg zu tun hatte. Naja, wird schon passen: Wir waren einfach zu müde und bequem gründlich über den richtigen Weg nachzudenken. Und so steckten wir das GPS beiseite und trabten weiter. Irgendwann waren wir im Tal, zwischen Häusern, an einer stark befahrenen Straße, die Sonne brannte erbarmungslos und das schwere Gepäck hing quälend auf den müden Schultern. Noch einmal ein Blick auf GPS: 2km daneben, denn die Brücke hatten wir genau eingegeben. Wieder den Berg hochsteigen hätte besonders die Kinder überfordert und so blieb uns nichts anderes übrig, als zwei Kilometer die brütend heiße Straße entlang zu trotten, was uns völlig aus dem Takt brachte. Schließlich erreichten wir die Brücke genau da, wo das GPS sie angekündigt hatte.

Für mich ist dieses kleine, ärgerliche und doch harmlose Erlebnis zu einem Bild für Umkehr im biblischen Sinn geworden: Es geht nicht darum, ungeschehen zu machen, was nicht rückgängig gemacht werden kann. Es geht nicht darum, alles hinzuschmeißen und in Selbstmitleid darüber zu zerfließen, was man alles falsch gemacht hat. Es geht nicht darum, einfach stupide die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen und genau das Gegenteil des Bisherigen zu tun. Nein: Umkehr richtet sich nicht nach der Vergangenheit, sie fragt danach, wohin mein Weg, wohin unser Weg in Zukunft führt. So geht es darum, unser Leben auf die Wegweisung Gottes neu auszurichten, einmal und immer wieder. Und dieser Auftrag ist die Überschrift über die Verkündigung von Jesus, er ist der Anfang der Verkündung: Kehrt um, richtet euren Weg neu aus.

 

Beate Beyer:

Auch Jesus richtet seinen Weg neu aus. Er hat sich von Johannes taufen lassen, er ging 40 Tage in die Wüste und danach verließ er seine Heimat Nazaret. Johannes hat am eigenen Leib erfahren, dass es gefährlich ist, in der Öffentlichkeit aufzutreten, dass es gefährlich ist zu predigen, was den Machthabern nicht gefällt. Johannes war ein Störfaktor und der musste beseitigt werden. So wurde er verhaftet. Deswegen verließ wohl auch Jesus Nazareth und ging nach Kapernaum. Diese Stadt am See Genezareth war Grenzstadt. Dort gab es die Möglichkeit in ein anderes Herrschaftsgebiet zu kommen. Philippus, so hieß dieser Herrscher der Nachbarregion, galt als liberal. Schon von Anfang an merkte Jesus, wie gefährlich seine öffentliche Predigten werden können. Aber er wollte, dass seine Botschaft gehört wird. Deswegen ging er neue Wege und ging weg aus seiner Heimatstadt.

Auch in vielen Ländern der Erde ist es heute noch gefährlich von Jesus Christus, seinem Leben, seinem Tod und seiner Auferstehung zu reden. Viele Machthaber haben Angst vor dieser Botschaft.

 

Jörg Beyer:

Doch diese Botschaft steht nicht im luftleeren Raum. Mit Jesus fing nicht alles an, sondern Gottes Weg mit seinem Volk erreichte einen Höhepunkt. Denn die Verheißungen und Wege Gottes haben einen langen Atem. Erst einmal hat Jesus in Johannes einen direkten Vorgänger – so heißt Johannes bei den orthodoxen Christen und in der frühen Kirche auch nicht Johannes der Täufer sondern Johannes der Vorläufer. An seine Worte schließt Jesus direkt an. Doch der Bogen reicht weiter: Gerade für Matthäus ist es äußerst wichtig, dass mit Jesus nichts Neues beginnt, sondern, dass er ein Meilenstein auf dem Weg Gottes mit seinem Volk ist, dass Jesus in einer Reihe steht mit Mose und den Propheten und: Dass er als der Mensch gewordenen Gott diese Reihe zum Abschluss bringt. Kehrt um, dieser Ruf erschallt von Anfang an aus dem Munde JHWH und seiner Propheten. Doch Johannes der Vorläufer fügt eines hinzu: "Denn das Reich Gottes ist nahe gekommen". Gott wird in neuer Weise konkret und fassbar. Dieses Wort nimmt Jesus auf und macht es zur Überschrift über sein Wirken.

 

Beate Beyer:

Für Matthäus ist es wichtig, dass Jesus die Erfüllung der Verheißung ist. Jesus ist der Messias, auf den die Juden schon so lange warten. Deswegen legt er die Prophetenworte auch immer auf Jesus hin aus. Er will damit beweisen, dass Jesus wirklich der Erfüller dieser Worte ist. Jesu Wirken beginnt nicht in Jerusalem, sondern ganz am Rande. Sie beginnt nicht bei den Frommen, sondern bei den Gottfernen. Galiläa galt als verachtete, halb heidnische Gegend. Hier leben, wie auch unser Text es beschreibt, viele Völker zusammen. Hier brachen zuerst im 8.Jahrhundert die Assyrer ein und verschleppten für immer die Einwohner. Mit denen aus Galiläa wollten deshalb die Frommen nichts zu tun haben. Ein Messias aus Galiläa schien ihnen ein unvorstellbarer Gedanke. Aber genau in diesem Galiläa nimmt Jesus Wohnung. Damit zeigt Jesus: Ich bin nicht nur für die Frommen gekommen, ich bin für die gekommen, auf die herabgeschaut wird. Ich bin für alle Menschen gekommen, um das Licht zu bringen. So geht Gott oft Wege mit seinem Volk, die völlig anders verlaufen, als wir uns das vorstellen. Gerade das macht uns oft Angst: Die Überraschungen Gottes.

 

Jörg Beyer:

Kehrt um, der Aufruf, sich neu an Gott auszurichten und in Jesus den Lebensweg zu entdecken: Das heißt gerade mit Blick auf Jesus: Offen sein für den Gott der Überraschungen. Es geht eben um Gottes neue Wege und nicht darum, fromme Formen von neuem zum einzigen Glaubensweg zu erklären. Neue Wege vor Gott: Das heißt, neue Zugänge zu dem ewig gleichen Gott zu entdecken, alte verloren gegangene Wege wieder neu zu entdecken und Bewährtes mit neuem Leben zu füllen: In Mission und Verkündigung, im gesellschaftlichen Einsatz der Christen, in der Nächstenliebe. Etwas Altes oder Neues ist nicht von vornherein gut oder schlecht. Wir müssen untersuchen, ob es zum Ziel führt. So stellt sich nicht die Frage: Orgel, Posaune oder Rockmusik. Am Rande: Auch Orgel und Posaune waren einmal in vielen Kirchen als lärmende, ungeistliche Musik verboten. Es stellt sich vielmehr die Frage: Welche Musik erreicht die Menschen mit der Botschaft Gottes und schenkt Gemeinden Gemeinschaft. Die Frage lautet auch nicht Zeltmission, ProChrist oder neu Anfangen, sie lautet nicht Kirchentag oder Gemeindetag unter dem Wort, sie lautet nicht Sonntag-Vormittag-Hauptgottesdienst oder Lobpreis. Die Frage lautet: Wie lade ich Menschen zur Umkehr ein, jene, die Jesus Christus noch nicht kennen und jene, die Jesus Christus entdeckt haben, die wir aber alle noch immer wieder den Aufruf "Kehrt um, denn das Gottesreich ist nahe" brauchen.

 

Beate Beyer:

Kehrt um zu dem, der von sich sagt “Ich bin das Licht der Welt.“ Dies will uns unser heutiger Predigttext zurufen. Aber wir sind manchmal einfach blind geworden, weil wir nur Dunkelheiten sehen und kein Licht. Neulich wanderten wir auf der Alb, hatten uns etwas mit der Zeit verschätzt und keine Taschenlampen dabei. Es wurde schon langsam dunkel. Wir kamen in ein Waldstück, es fehlten die Wegweiser. Ich lasse mich da sehr schnell verunsichern. Ich war richtig erleichtert, als wir wieder aus dem Wald kamen und einen Wegweiser sahen und die Lichter von dem Dorf, in das wir wollten. Diese kleine Begebenheit hat mir hat mir gezeigt, wie wichtig Licht ist. Auch können wir für einander Licht sein. Das Gespräch mit Menschen in Not und Trauer. Die Nachbarschaftshilfe bei Krankheit. Das Gebet für die Not in dieser Welt. Wenn wir auf den schauen, der uns Wegweiser und Ziel ist, dann können wir darauf vertrauen: Das Licht der Welt geht mit uns, auch wenn wir es manchmal aus den Augen verlieren.

 

Jörg Beyer:

Und doch: Können wir heute sagen: Das Volk, das in der Finsternis saß, hat ein großes Licht gesehen, und denen, die im Schattenreich des Todes saßen, ist ein Licht erschienen? Was ist mit den Opfern der Flut- und Erdbeben-Katastrophe? Am Rande möchte ich hier auch ein Wort unseres Landesbischofs Dr. Gerhard Maier zitieren: Im Blick auf Vermutungen mancher Prediger, die Überschwemmungen seien eine Strafe Gottes für den Unglauben der Menschen in den betroffenen Ländern, solle jeder zunächst an seine eigenen Sünden denken, so Maier bei einer Predigt am 6. Januar in Stuttgart. So sagt ja auch Jesus: „Meint ihr, dass die Achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen?“ Doch die Frage nach der Finsternis und der Gottesferne bleiben – gerade auch, wenn wir Ernst nehmen, dass Jesus über Erdbeben sagt, dass sie nicht der direkte Beginn der Endzeit sind, ebenso wenig wie Kriege oder Hungersnöte – das stand ja erst am 2. Advent im Predigttext.

Und: Was ist mit der drohenden Klimaänderung: Gestern Frühling Mitten im kältesten Monat des Jahres – und die Wissenschaftler fragen sich eigentlich nur noch, ob es am Ende dieses Jahrhunderts weltweit um zwei, fünf oder zehn Grad wärmer ist, ob wir hier in Deutschland Mittelmeerklima, Steppe oder wegen Änderungen des Golfstroms Tundra haben werden – ein weltweites Desaster droht, hausgemacht von Menschen.

Oder die Arbeitslosigkeit: Wer mag von Licht reden, wenn er schon als junger Mensch das Gefühl bekommt, mangels Arbeit in unserer Gesellschaft überflüssig zu sein.

Es bleibt das Unverstehbare: Wenn Menschen zu Grunde gehen wegen des Verhaltens anderer Menschen und noch mehr: Wenn Menschen an Umständen zu Grunde gehen, die Ihre Ursache in der Schöpfung haben, von der wir ja gemeinsam überzeugt sind, dass es die Schöpfung des Gottes ist, der in Jesus Christus seine Liebe zeigt. Diese Spanung kann nicht aufgehoben werden und es wäre billig, gegenüber jenen wohl 200.000 Toten in Südost-Asien, nur von der kommenden Welt zu reden und nicht das unendliche Leid, das dort geschehen ist, in aller Ernsthaftigkeit beim Namen zu nennen – bis hin zu dem Schrei: Mein Gott, mein Gott, wie kannst Du das zulassen.

 

Beate Beyer:

Nur wenn wir die Finsternis beim Namen nennen, können wir auch darüber hinausgehen und zur Umkehr rufen. Und doch bieten die genannten Beispiele der Finsternis unserer Tage die Chance zur Umkehr: Wir können in unserer Gesellschaft wieder mehr nach dem Gemeinsamen fragen, wir müssen für diese Welt, die uns Gott anvertraut hat, auch globale Verantwortung übernehmen. Und wir dürfen für unser Leben erkennen, wie wichtig Umkehr ist. Denn unser Leben in dieser Welt ist ebenso wichtig wie vorläufig.

Diese Umkehr wird im Neuen Testament ganz konkret. Nach dem Aufruf unseres Predigttextes zur Umkehr folgen die ersten Berufungen der Jünger. Jesus beruft die Brüder Simon und Andreas. In Jesus hat eine andere Zeit begonnen. Jesus zeigt uns einen neuen Weg zu Gott. Wir dürfen Abba zu ihm sagen. Wir dürfen neu anfangen. Das ist das Neue an Jesus. Er zeigt uns einen Weg aus Enge und Gesetzlichkeit aber keinen Weg der Beliebigkeit. Auch die Menschen, die schon lange ihr Leben nach Jesus ausrichten, müssen sich immer fragen: Bin ich noch immer auf den richtigen Weg? Bin ich in eine Sackgasse geraten? Hat mich die Gewohnheit fest im Griff?

 

Jörg Beyer:

Nur wenn ich das Licht Gottes in der Finsternis entdecke, kann ich mir von ihm dem Weg weisen lassen, sehe ich die neuen Maßstäbe, sehe ich die neue Lebensrichtung, sehe ich den Lebensweg, auf dem mich Gott senden will. Nur so kann ich erkennen, wohin mich die Umkehr des Lebensweges führt. Weil dieses Licht in der Unscheinbarkeit der Krippe in die Welt gekommen ist, können wir den Weg der Umkehr neu entdecken, können wir entdecken, dass das Himmelreich, die kommende Welt für uns nahe ist. So lasst uns umkehren, glauben und die Zeit nutzen, die uns in dieser Welt geschenkt ist. Denn das große Licht aus der Krippe, dass in der Finsternis sichbar wird, zeigt uns den Weg in die Zukunft – in dieser und der kommenden Welt. So können wir die Osterkerze voller Hoffnug brennen lassen, denn das Licht aus der Krippe erstrahlt an Ostern in voller Herrlichkeit und zeigt, dass der Weg mit Gott sich lohnt. Also „Kehrt um! Denn nahe gekommen ist das Himmelreich.“

 

AMEN

 


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